1.618

 

Das Streben nach dem Ideal. Dieses Ideal bleibt jedoch schwer fassbar und nahezu unerreichbar.

 

 

Das Stück “Der Goldene Schnitt” wurde in Zusammenarbeit mit dem Lichtdesigner Besim Morina von der Zürcher Hochschule der Künste produziert und im “Theater der Künste” in Zürich uraufgeführt. Der Goldene Schnitt ist ein System, das die perfekte Proportion anstrebt. Er wurde im antiken Griechenland entwickelt, um eine vollkommene Harmonie auf den Tempelfassaden und figürlichen Plastiken zu erreichen. Der Goldene Schnitt basiert auf dem als ideal angesehenen Verhältnis 1: 1,618.

Besim Morina schuf die Grundlage für die Choreografie. Mit 377 Lichtquellen, die in regelmäßigen Abständen von der Decke hingen, schuf Morina ein dynamisches System, das den verdunkelten Raum strukturierte. Die Zahl 377 resultiert aus einer Zahlenreihe, die dem Goldenen Schnitt entspricht. Zwischen den Darstellern und dem Publikum gab es keine Trennung. Die Zuschauer konnten jede von ihnen erwünschte Position in der langen Halle einnehmen. Sie konnten sich auch frei im Raum bewegen und mit den Tänzern interagieren. Als das Publikum Zutritt zu der Halle bekam, wurde es mit einem dunklen, vernebelten Raum konfrontiert, der von den 377 kleinen Lichtquellen nur spärlich beleuchtet war. In der Mitte konnte man schemenhaft zwei Tänzer erkennen, die wie antike Statuen beieinander standen. Als die Musik einsetzte, begannen die zwei Darsteller den Raum zu durch-schreiten, ihn zu vermessen und sich dazu in Beziehung zu setzen.

Das Konzept sollte veranschaulichen, was der Goldene Schnitt im wesentlichen bedeutet: Das Streben nach dem Ideal. Dieses Ideal bleibt jedoch schwer fassbar und nahezu unerreichbar. Folglich handelte unser Stück überwiegend von dem Gegensatz zwischen Chaos, sogar Aggression und Harmonie; dem Kontrast zwischen dem wirklichen Leben und der Idee der Perfektion. Das Chaos dominierte, während die Augenblicke der Harmonie kurz und ständig bedroht erschienen. Die Musik unterstrich diese Vorstellung. Lange Passagen wirkten unüberschaubar und verstörend, manchmal sogar gewalttätig. Damit korrespondierten die Bewegungen. Dann brach wie ein Sonnenstrahl Bachs “Kunst der Fuge”* durch und bannte das Chaos. Ihre Harmonie und strenge Ordnung erschien nahezu göttlich. In solch raren Momenten des Glück vereinten sich die Körper der Tänzer zu einer geschlossenen Form. Ihre Gliedmaßen verschmolzen zu einer Einheit, zu einem Knoten, in dem nicht mehr deutlich war, welche Körperteile zu welchem Tänzer gehörte.

Die Tänzer zogen einer der Lichtquellen von der Decke und bewegten sich um sie herum, als würden sie die Glühbirne liebevoll umwerben. Symbolisierte dieses Licht das angestrebte Ideal, mit dem sie verschmelzen wollten? In einer weiteren längeren Sequenz rannten die beiden Tänzer hektisch und verzweifelt einem anderen Licht nach. Sie liefen unermüdlich auf der Stelle, bis sie erschöpft zusammenbrachen. Das Licht blieb unerreichbar. Gegen Ende des Stückes holten die Darsteller wahllos aus dem Publikum Zuschauer heraus, und vermaßen ihre Körper. Passten ihre Proportionen auf die Regeln des Goldenen Schnitts? Schließlich war fast das gesamte Publikum in das Stück integriert und vermessen. In kleine Gruppen nach den Regeln des Goldenen Schnittes zusammengestellt, blieben sie wie zu Statuen erstarrt, bis die letzten Töne der “Kunst der Fuge” ausklangen.

 

* Es wird behauptet, dass Bach den Goldenen Schnitt für diese Komposition verwendete.